Die Heimatvertriebenen im Eichsfeld – ein Überblick von Dr. Torsten W. Müller

 

 

Seit dem Winter des Jahres 1944 kamen Flüchtlinge und Vertriebene aus Ostmitteleuropa in das vom Kriegsgeschehen bisher unberührt gebliebene Eichsfeld. Dieser seit Juli 1945 durch die Interzonengrenze vom Westen abgetrennte Landstrich lag in der sowjetischen Besatzungszone und hatte in der Nachkriegszeit nicht nur die Aufnahme von Heimatvertriebenen zu organisieren. Das Eichsfeld war zugleich Aufnahmeland und Durchgangsstation auf dem Weg in die westlichen Zonen.

Als Grenzland bildete es eine Drehscheibe für den gewaltigen Bevölkerungsaustausch im Nachkriegsdeutschland. Besonders im nord-westlichen Eichsfeld, wo sich die amerikanische, englische und sowjetische Besatzungszone berührten, entstand ab 1945 ein Verdichtungspunkt unzähliger Flucht- und Wanderungswege. In den Jahren von 1945 bis 1949 zogen durch das Eichsfeld circa 2,5 Millionen Menschen, die hier selbstlose Hilfsbereitschaft und skrupellose Habsucht eng nebeneinander erlebten.

 

Die Aufnahme und Unterbringung von 25.000 bis 30.000 Heimatvertriebenen im Eichsfeld gestaltete sich in allen Gemeinden überaus schwierig. Es kam zu Zwangseinweisungen in private Häuser und Wohnungen, die dazu führten, dass sich die alteingesessene Bevölkerung noch mehr miteinander solidarisierte, und sich somit ihr Verhalten gegenüber den Flüchtlingen verschlechterte. Die große Mehrzahl der Alteingesessenen zeigte wenig Interesse am Schicksal der Zugezogenen. Man sah sie als Konkurrenten im Kampf um knappe Ressourcen wie Lebensmittel, Kleidung, Land und Wohnraum.

 

Trotz zahlreicher Schwierigkeiten und Widerstände gelang es den Behörden dennoch, sämtliche Vertriebene in Wohnungen unterzubringen und sie notdürftig mit Mobiliar auszustatten. Niemand musste in einer Massenunterkunft hausen. Insgesamt gesehen konnte man die Unterbringung der „Neubürger“ unter den gegebenen Bedingungen als „normal“ bezeichnen, auch wenn viele menschenunwürdig untergebracht waren.

 

In fast allen Kommunen des Eichsfeldes endete das „Umsiedlerproblem“ mit Kompromissen. Die Heimatvertriebenen erhielten bescheidenen Wohnraum und eine Zuteilung von Gartenland, blieben dabei aber deutlich schlechter gestellt als die Einheimischen. Diese duldeten die Anwesenheit der Vertriebenen, bewahrten aber ihre dominierende Stellung in der Gesellschaft.

 

Anders als die Einheimischen konnten die Vertriebenen ihrer Verstorbenen nicht an den Gräbern gedenken. Eigene Gedenkstätten für die Toten von Flucht und Vertreibung verbot das SED-Regime strikt; auch „Kriegerdenkmäler“ waren verpönt. Die SED allein bestimmte die offizielle Erinnerungspolitik und unterdrückte jede Erinnerung an die Heimat oder die Vertreibung. Deshalb wurden auch landsmannschaftliche Gruppierungen, Tendenzen zur Selbstorganisation von Vertriebenen und jede kulturelle Sonderidentität durch die SED verboten und vehement verfolgt. Die Geschichte von Flucht und Vertreibung wurde in der DDR tabuisiert.

 

Gerade weil an das verlorene Vaterhaus, an das verlorene Hab und Gut, an die verlorene Arbeitsstätte, an die Friedhöfe mit den Gräbern der Angehörigen, dann an die Zerstörung aller tragenden Ordnungen und vor allem an die Trennung der Familien bis 1990 nicht öffentlich erinnert werden konnte, ist es um so wichtiger, dass heute auch im Eichsfeld an zentraler Stelle an die Heimatvertriebenen erinnert wird – an diejenigen Deutschen, die den „Totalen Krieg“ total verloren haben.

 
Zum Weiterlesen: Müller, Torsten W.: Neue Heimat Eichsfeld? Flüchtlinge und Vertriebene in der katholischen Ankunftsgesellschaft, Duderstadt 2010.